Univention Summit 2021

Pioniere der Open-Source-Technologie: 10 Fragen an Peter Ganten und Oliver Schulze

Open Source Pioniere Peter Ganten und Oliver Schulze

Persönlich kennen sich die Herren seit 10 Jahren: Peter Ganten (Univention) und Oliver Schulze (agorum). Genauso lange ist agorum auf dem Univention Summit vertreten. Es ist das jährliche “Familientreffen” der Open-Source-Technologie in Deutschland. Anlass für uns, 10 Fragen an die Treiber der digitalen Souveränität zu stellen.

Im Open Source Umfeld allen bekannt:

Peter H. Ganten | Univention GmbH

Die FAZ, ntv oder heise – wenn es um digitale Souveränität geht, klopfen sie bei Peter Ganten an. Der geschätzte Interviewparter und Buchautor ist auch Vorstandsvorsitzender der OSB Aliance.

Oliver Schulze, Geschäftsführer agorum Software GmbH
Oliver Schulze | agorum Software GmbH

Er hat den Code von agorum core vor über 18 Jahren offengelegt. Der Vollblut-Entwickler weiß warum und ist überzeugter Open-Source´ler. Beim Thema Datensicherheit ist er kompromisslos und Vordenker zugleich.

Herzlich willkommen, Peter Ganten und Oliver Schulze!

1. Können Sie sich noch an ihr erstes Aufeinandertreffen erinnern?

OS (Oliver Schulze): Auf jeden Fall. Wir kennen uns tatsächlich seit exakt 10 Jahren, der erste Summit war 2010, und seitdem waren wir jedes Jahr dabei. Peter, ich glaube, begonnen hat es mit einem kleinen Stammtisch, aber das war vor unserer Zeit.

PG (Peter Ganten): Genau, kennengelernt haben wir uns, glaube ich, vorher schon in der Open Source Business Alliance bzw. in deren Vorgängerin, der LiSoG, wo wir gemeinsam an ein paar Themen gearbeitet haben. Seitdem haben wir uns nie aus den Augen verloren und einige spannende Projekte gemacht, nicht zuletzt den Univention Summit, bei dem ihr seit Jahren ja unser Hauptsponsor seid.

2. Wie haben Sie die letzten Monate am IT-Markt erlebt, wo Unternehmen, aber auch der öffentliche Sektor quasi über Nacht vor völlig neuen Situationen standen?

PG: Rückblickend wird man diese Pandemie wohl als einen der zentralen und entscheidenden Momente für die Digitalisierung insgesamt, aber besonders in Europa sehen. Viele Unternehmen und auch Verwaltungen oder Schulen mussten quasi bei Null anfangen, Plattformen und Tools für das digitale Arbeiten von daheim finden und in Betrieb nehmen. Die Pandemie ist damit zum Treiber der Digitalisierung geworden. Und das birgt auch Gefahren: Da es schnell gehen musste, wurde oft einzig auf die Funktionalität geschaut. Teilweise völlig außer acht gelassen wurde jedoch, wie sehr man sich dadurch in Abhängigkeiten begibt, ob man zukünftig handlungs- und innovationsfähig bleibt oder überhaupt nachvollziehen kann, was selbst erzeugten Daten passiert. Dabei ging und geht der Trend eigentlich in eine andere Richtung: Die meisten Akteure aus Politik und Wirtschaft haben verstanden, dass wir in Deutschland und Europa nur mit mehr digitaler Souveränität mehr Möglichkeiten für nachhaltige Innovationen schaffen können.

OS: Ich kann mich Peter nur anschließen. Es war aktionistisch und sicher aus der Not heraus getrieben. Für die Unternehmen ging und geht es immer noch ums Überleben. Die Prozesse waren papierbasiert, und die Technik lies keine Flexibilität zu. Mitarbeiter*innen konnten nicht aus dem Homeoffice arbeiten. Das führte zu blindem Aktionismus und lies jegliche Strategie vermissen. Die Unternehmen liefen quasi mit offenen Armen in die Abhängigkeit der großen Cloud-Anbieter. Die Hoheit über ihre Daten haben sie damit verloren. Da ist heute nicht an morgen gedacht und es sind alles nur Lösungen für die Kurzstrecke. Digitale Souveränität und Datenschutz ade.

3. Wenn Sie sagen "Lösungen für die Kurzstrecke", wie meinen Sie das?

OS: Ein Beispiel hierzu: Im Tagesgeschäft geht es häufig um Datenaustausch, Stichwort “Filesharing”. Die Infrastruktur zum Arbeiten aus dem Homeoffice war dafür nicht bzw. nur schlecht ausgelegt, das Helpdesk überfordert, die E-Mail-Postfächer am Ende ihrer Speicherkapazitäten. Aber die Pläne mussten schnell zum Kollegen. Da werden Anwender*innen kreativ und nutzen ihre privaten Devices. Schnell mal Daten via Gmail oder womöglich ein Bild von den Planungsdaten per WhatsApp verschickt – ohne sich im Klaren darüber zu sein, dass sie mit dieser Aktion alles schön auf amerikanischen Servern verteilt haben. Ein ganzheitliches Konzept ist / war Fehlanzeige.

4. Herr Ganten, in einem Interview meinten Sie, die Kommunikation per E-Mail zwischen dem Innen- und dem Verteidigungsministerium läuft über amerikanische Server. Ist das wirklich wahr?

PG: Heute sind es meistens Server, bei denen die Software von amerikanischen Unternehmen kontrolliert wird, das ist schlimm genug. Aber wenn wir nicht schnell und energisch gegensteuern, dann werden zukünftig auch die Server selbst unter der Kontrolle von Unternehmen stehen, die nicht in erster Linie der europäischen Gesetzgebung unterstehen, denn die öffentliche Verwaltung ist leider viel zu stark von wenigen großen Konzernen wie Microsoft abhängig. Eine PWC-Studie im Auftrag des Bundesinnenministeriums hat das 2019 sehr deutlich gemacht. Verwaltungen öffnen sich jetzt für den Einsatz von Open Source, digitale Souveränität nimmt inzwischen einen ganz anderen Stellenwert ein.

Positive Beispiele dafür sind die Umsetzung des Onlinezugangsgesetz (OZG) oder gerade jüngst die Entscheidung, ein Zentrum für digitale Souveränität zu gründen. Auch ein Repository für Quellcode von und für die öffentliche Hand soll die Anwendung von Open Source weiter stärken.

Aber jetzt kommt es natürlich auch darauf an, dass aus diesen Ankündigungen auch erfolgreiche Projekte werden. Dabei sind wir als Open-Source-Industrie besonders gefordert. Und natürlich schläft auch der proprietäre Wettbewerb nicht: Aktuell zeigt sich wieder, dass als „Erprobung“ getarnte Großprojekte wie eine auf Microsoft basierende Bundescloud alte Abhängigkeiten sogar noch weiter verschärfen können.

5. Halten Sie es für realistisch, dass Unternehmen sich gänzlich von proprietärer Software lösen und ausschließlich auf Open-Source-Technologie setzen?

OS: Ich drücke es mal diplomatisch aus – je nach Geschäftsbereich lässt sich spezielle Software nicht vermeiden. Aber es muss das Bewusstsein geschaffen werden, dass sowohl die Geschäftsleitung als auch die Anwender deutlich sensibilisierter mit dem Thema Datensicherheit umgehen. Die Unternehmensführung muss sich im Klaren darüber sein, wo ihre Daten liegen und was damit gemacht wird. Genauso muss jedem Anwender klar sein, dass er mal nicht eben Passwörter oder andere sensible Daten per WhatsApp zum Kollegen*in schickt. Es ist noch viel Aufklärungsarbeit nötig.

PG: Ich wäre da weniger diplomatisch: Ja, ich glaube, das geht, und interessanterweise haben uns gerade die Hyperscaler das vorgemacht: Google und Amazon waren auch mal kleine Unternehmen. Sie haben aber von Anfang an auf Software gesetzt, die sie selbst kontrollieren können, also auf ihre eigene digitale Souveränität. Dadurch sind sie zu Meistern der Digitalisierung geworden und uns heute ein Stück voraus. Aber natürlich ist das für viele Organisationen ein Prozess, und ich bin überzeugt, dass mittlerweile immer mehr Unternehmen die Vorzüge von Open Source erkennen, auch befördert durch unsere Aufklärungsarbeit. Viele Unternehmen setzen bereits erfolgreich auf Open Source, und zwar aus guten Gründen, Amazon und Google habe ich schon genannt, aber auch in Deutschland beispielsweise Daimler, Zalando oder Bosch. Ihnen geht es nicht nur um Sicherheit, die Open Source ermöglicht, sondern vor allem um das hohe Innovationstempo: Die Skalierbarkeit und die Möglichkeit, Open-Source-Software jederzeit an neue eigenen Bedürfnisse anzupassen, spielen ebenfalls eine herausragende Rolle. Zahlen dazu liefert eine aktuelle Studie von RedHat.

6. Würden Sie unterschreiben, dass Open-Source-Technologie in den Köpfen zu wenig verbreitet ist und offener Quellcode nicht mit höherer Sicherheit assoziiert wird?

PG: Open Source ist ja keine Technologie, sondern im Kern eine Lizenz und vor allem eine Art, Technologie zu nutzen und voranzutreiben. Dieser Weg setzt sich immer weiter durch, aber vielen Verwaltungen, Unternehmen und Bildungseinrichten fällt es schwer, ausgetretene Pfade zu verlassen und Neues auszuprobieren. Deshalb müssen wir weiter aufzeigen, wie viel Risiken einerseits die weitgehende Abhängigkeit von proprietärer Software birgt und wie viel wirtschaftliches und innovatives Potenzial Digitale Souveränität auf der anderen Seite mit sich bringt.

OS: Früher war das so. Aber das Bewusstsein wandelt sich immer mehr in Richtung Open Source und das, was es bedeutet. Ich beobachte auch, dass umso verstärkter auf Open-Source-Technologie gesetzt wird, desto höher das Know-how in der IT ist. Wir betreuen zum Beispiel viele Patentanwaltskanzleien, die sicherstellen müssen, dass Schutzrechte sicher verwaltet werden. Würden diese in Quellen gelangen, die außerhalb deren Kontrolle liegen, wäre das fatal.

7. Die Situation bleibt angespannt und Ratschläge soll man bekanntlich nicht geben. Aber gibt es eine Empfehlung, wie vielleicht schon mit kleineren Maßnahmen Unternehmen beim Thema Datensicherheit geholfen ist?

OS: Erst mal die richtige Grundlage nutzen, also ein Fundament wie zum Beispiel unsere Plattform agorum core und auch Univention Corporate Server, auf denen man aufbauen kann. Mit denen Unternehmen bereits aus dem Stand heraus schlank starten können und die mit den Anforderungen optimal mitwachsen.

PG: Die Empfehlung wäre tatsächlich, sich einfach mal im Open-Source-Bereich umzusehen. Es gibt dort inzwischen so viele bewährte und professionelle Produkte und Anbieter.

8. Was kann Unternehmen passieren, die nicht auf eine nachhaltige, grundlegende Strategie setzen?

PG: Generell ist es heute wichtiger denn je, auf Nachhaltigkeit und Resilienz, also die Möglichkeit, flexibel auf Veränderungen reagieren zu können, zu setzen. Das haben die Erfahrungen der Pandemie untermauert. Und hier bietet Open Source definitiv Vorteile gegenüber anderen technischen Lösungen, unter anderem durch die Ressourcenersparnis.

OS: Ganz ehrlich, die werden es schwer haben, in Zukunft mit ihren Mitbewerbern mithalten zu können. Nur wer konsequent und zielgerichtet digitalisiert und vor allem auch automatisiert, hat einen Vorsprung. Wer das nicht tut, wird früher oder später von seinen Mitbewerbern unumkehrbar überholt.

9. Im Januar fand der Univention Summit zum ersten Mal als reines Online-Event statt. Wie haben Sie die Veranstaltung erlebt?

PG: Wir hatten eine innovative Plattform, ausgezeichnete Anmeldezahlen und ein abwechslungsreiches Vortragsprogramm – unter anderem mit der spannenden Keynote von Euch. Dennoch war das ein Novum für uns. Im Vorfeld fragt man sich schon: Geht das alles auf, hält die Technik? Sie hielt, wir sind auch im Rückblick vollauf zufrieden.
Aber natürlich ist es schon so, dass bei allem Wachstum, bei den vielen tollen Vorträgen, der persönliche Kontakt und Dinge wie die Abendveranstaltung schmerzlich fehlen. Das haben uns auch einige Sponsoren und Gäste gesagt. Die Veranstaltung lebt auch vom persönlichen Austausch. Insofern war das auch gewöhnungsbedürftig. Auch für mich: Ich stand auf derselben Bühne wie im vergangenen Jahr, doch ohne Publikum, nur Technik. Da merkt man auch, wie einem die Resonanz, die Interaktion fehlt. Umso mehr freue ich mich darauf, im kommenden Jahr unsere Gäste, Sponsoren und Redner hoffentlich auch wieder persönlich begrüßen zu können. Die Beiträge haben wir übrigens aufgezeichnet und veröffentlicht.

OS: Ihr habt das toll hingekriegt. Aber auch uns ging es vermutlich wie allen anderen, der persönliche Austausch ist unersetzlich. Wir sind alle in der Online-Welt zuhause, aber einmal im Jahr (symbolisch) Händeschütteln und Face-to-Face sprechen, ist nicht zu ersetzen. In jedem Fall kein Summit ohne uns, wir sind nächstes Jahr wieder dabei, hoffentlich offline.

10. Letzte Frage: Werfen Sie doch für die Leser*innen einen Blick in die Glaskugel. Wohin geht die Digitalisierungsreise?

OS: Gute Frage. Wir hoffen auf jeden Fall – und daran arbeiten wir auch –, dass wir einen wesentlichen Bestandteil dazu beitragen können, die Digitalisierung auf eine neue Ebene zu heben. Unternehmen sollen selbstbestimmt bleiben können und dennoch auf nichts verzichten müssen. Deshalb ist unsere Strategie ganz stark in Richtung Low- und No-Code. Unser Ziel ist es, dass Kunden ohne tiefes Entwicklerwissen ganz einfach automatisierte Prozesse eigenständig konfigurieren können. Mit dem neuen Workfloweditor sind wir auf dem richtigen Weg, das bestätigen auch die vielen Anfragen. Ein weiteres Thema, das wir im Fokus haben, ist das mobile Arbeiten. Auch hier haben wir mit der App “agorum boost” einen wichtigen Schritt nach vorne gemacht und sind stolz darauf, dass er bereits bei unseren Kunden im Einsatz ist. Alle Maßnahmen zielen darauf ab, unsere Kunden unabhängig zu machen, selbst von uns.

PG: Wir haben in den letzten Jahren viel Wichtiges in Gang gebracht, eine Reihe wichtiger Projekte, um Open Source und digitale Souveränität voranzubringen: Das sind für mich GAIA-X und dort insbesondere das Sovereign-Cloud-Stack-Projekt, aber der von Dataport entwickelte Open-Source-Office-Arbeitsplatz Phoenix und SPS. Vor allem in ihrer Kombination können diese Projekte eine ganz neue Dynamik in Gang setzen und uns in Deutschland und Europa wieder an die Spitze der Digitalisierung bringen. Und das betrifft nicht nur die Digitalisierung von Bildung und Verwaltung, sondern auch des Mittelstandes, der zum Teil ja ebenfalls erheblich Aufholbedarf hat.

@ Peter Ganten und Oliver Schulze: Vielen Dank für das Interview!

Fotos:
Peter Ganten – Mit freundlicher Genehmigung der Univention GmbH
Oliver Schulze – agorum Software GmbH

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